Jahreslosung 2019
Gott spricht: Suche Frieden und jage ihm nach.
Psalm 34,15

Friedens-Exkursion in den Hürtgenwald

    

Sven Schümann, stellvertr. Bürgermeister
der Stadt Neuss und Thomas Schommers,
Präsident der Deutsch-Amerik. Gesellsch.

Friedens-Exkursion in die Konfliktlandschaft  Hürtgenwald und zum amerikanischen Soldatenfriedhof in Henri Chapelle, Belgien am 2.11.2019

Es sah fast so aus als wenn die 30 Teilnehmenden einer Exkursion der Philippus Akademie des Ev. Kirchenkreises und der Deutsch Amerikanischen Gesellschaft Neuss das typisch kalte und nasse Wetter des 2. Novembers 1944 erleben würden. Doch heute riss die Wolkendecke auf, Wind und Sonnenschein begleitete die Gruppe und zeitweise gab es sogar frühlingshafte Temperaturen. Vor genau 75 Jahren war es im Hürtgenwald ganz anders gewesen, nämlich kalt und nass wie seit langem nicht mehr. An diesem Tag begann die sogenannte Allerseelenschlacht der US Streitkräfte gegen den heftigen Widerstand der Wehrmacht, die sich in dieser Intensität bis zum 16.12.1944  andauerte und hohe Verluste nach sich zog.

Bis heute steht die Frage im Raum, warum die US Streitkräfte nach der Einnahme von Aachen nicht auf der Ebene des Flachlandes nach Köln weiter marschierten. Lag es am mangelnden Nachschub oder wollten sie die Staudämme der Eifel besetzen, um beim Vormarsch nicht durch Überflutung gestört zu werden. Dieser gängigen Behauptung wiederspricht der US Militärhistoriker Charles B. MacDonald in seinem Standartwerk „The Siegfried Line Campaign“ dahingehend,  dass man nach entsprechenden Erfahrungen aus dem  1. Weltkrieg verhindern wollte, dass die deutschen Kräfte die voranschreitenden Amerikaner an der rechten Flanke aus dem Hürtgenwald angreifen würden. Doch die deutsche Heeresleitung vermutete genau einen Angriff auf die Talsperren und setzte massive Kräfte ein um diesen zu verhindern, man sah die Gefährdung der im Dezember vorgesehenen Ardennenoffensive.

Nach der Besichtigung der Kirche St. Josef in Vossenack, die im Verlauf der Kämpfe mehrmals wechselseitig von den kämpfenden Soldaten besetzt worden war, stieg die Gruppe auf dem sogenannten Kall Trail hinunter in das Kall Tal.

Hier hatte sich das Drama von 1944 ereignet. Es  ging  darum auf diesem Weg mit Panzer und Infanterie über das Tal bis nach Schmidt vorzustoßen. Am Ende wurde dieses Unternehmen aufgrund der heftigen deutschen Gegenwehr zum Desaster. Es kam zu einem kopflosen Rückzug der US Soldaten nach Vossenack. Bei dem steilen Abstieg heute war für die Gruppe äußerste Vorsicht geboten und das Bild der sich damals hinab bewegenden Panzer kaum vorstellbar.

Hier wurde von Werner Ulrich darauf hingewiesen, dass die Kämpfe im Hürtgenwald einerseits von einer unbarmherzigen Härte gekennzeichnet waren, doch andererseits es Augenblicke der Menschlichkeit gab, wie bei einem von dem deutschen Stabsarzt Dr. Stüttgen initiierten Waffenstillstand an der Kallbrücke bei dem die Verletzten beider Seiten verbunden worden sind.  Martina Wasserloos-Strunk erinnerte mit Zitaten aus dem Buch von Ernest Hemingway „Über den Fluss und in die Wälder“ an die besondere Grausamkeit der Kämpfe und ihrer Opfer. An die heftigen Kämpfe erinnerte auch der Besuch des deutschen Soldatenfriedhofes in Vossenack auf dem allein 2347 deutsche  Soldaten bestattet worden sind.

Nach dem Mittagessen in Simonskall begab sich die Gruppe zu der Kampfstätte am Ochsenkopf. Sie stellt ein Abbild der bewaldeten Konfliktlandschaft dar, wie sie in zahlreichen Beschreibungen aufgezeichnet wurde, nämlich dunkel, unübersehbar und mit zahlreichen Tälern und Hügeln versehen, ein Gräuel für jeden Militärstrategen mit hohem Vorteil für den Verteidiger des Geländes.

Hier waren im Jahr 2001 nach 55 Jahren die sterblichen Überreste des US Gefreiten Robert Cahow aus Wisconsin gefunden worden. Am Wegesrand und an der Fundstelle selbst erinnert eine liebevoll gestaltete Erinnerungsstätte an ihn. Er war bei der Bergung von verletzten Kameraden am 13.12.1944 durch den Tritt auf eine Mine tödlich verletzt worden und schnell von Wehrmachtsoldaten im Waldboden begraben worden. Bei diesem US Einsatz  starb auch der Sergeant Robert Donald Anderson. Er war einer von 20 gefallenen Soldaten aus Saint Paul (Minnesota), die auf  dem US Soldatenfriedhof in Henri Chapelle, Belgien, ihre Ruhestätte gefunden haben.  Dieser Friedhof, auf dem insgesamt 7992 Soldaten beerdigt worden sind, war das nächste Ziel der Exkursion um dieser 20 Soldaten besonders zu gedenken, auch als Ausdruck des 20jährigen Bestehens der Städtepartnerschaft Neuss – Saint Paul.

Im Rahmen einer Andacht in der Friedhofskapelle hob Martina Wasserloos-Strunk von der Philippus Akademie das Thema Frieden als Lebensaufgabe hervor und betonte, dass es vor dem Hintergrund des Rechtsruckes in der Gesellschaft keine Toleranz gegenüber Friedensverletzungen geben könne. Vor der Niederlegung eines Kranzes der Stadt Neuss und der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft (DAGN) am Ehrenmal des Friedhofes betonte der stellvertretende Bürgermeister von Neuss, Sven Schümann, die Notwendigkeit des Rückblickes auf die Vergangenheit um die Zukunft zu gestalten. Präsident Thomas Schommers von der DAGN akzentuierte, dass man den US Soldaten für die Befreiung von der Nazi Diktatur dankbar sein müsste und hob in diesem Zusammenhang die von der DAGN geförderte Städtepartnerschaft Neuss St. Paul besonders hervor.

   

    Die Gruppe an einem Grab

Im Anschluss an die Kranzniederlegung wurde bei einbrechender Kälte und naher Dunkelheit die 20 Gräber aus St. Paul begangen,  biografische Angaben vorgetragen und auf jedes Grab eine Rose durch Thomas Schommers platziert. Besonders beeindruckte die Geschichte des Lieutenants Max Miller, der am 12.12.1944 in der Nähe von Düren gefallen war. Er hatte vor seinem Einsatz beim Roten Kreuz Anweisungen hinterlassen, dass, falls ihm etwas zustoßen sollte, seine schwangere Frau es nicht wissen solle bis ihr Baby geboren wäre und der Arzt sie für stark genug halten würde die schlechte Nachricht zu verkraften. Seine Tochter Sue Miller wurde am 21.Januar 1945 geboren, einen Monat nachdem ihre Eltern Kenntnis vom Tod Leutnants Millers bekommen hatten. Sie hatten ihr die Nachricht vorenthalten, wie es ihr Ehemann gewünscht hatte.

Tief beeindruckt trat die Gruppe kurz vor Einbruch der Dunkelheit ihre Heimreise an. Der eine und die andere werden womöglich zurückkehren, um den zahlreichen Hinweisen und Tipps vertieft nachzugehen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Erinnerungslandschaft Hürtgenwald und die Soldatenfriedhöfe eine bleibende Mahnung für den Frieden tief im Gedächtnis der Menschen hinterlässt.

Werner Ulrich , 5.11.2019

Bilder: Thomas Schommers, Werner Ulrich, Richard Palermo

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